Ich war wütend. Und dann nahm ich mein Leben selbst in die Hand

Ich war wütend. Und dann nahm ich mein Leben selbst in die Hand

Wie aus Frust, Angst und Orientierungslosigkeit meine Entscheidung für die Liposuktion entstand.

Ich war wütend. So richtig wütend.

Ich hatte endlich eine Diagnose.

Lipödem.

Eigentlich hätte das ein erleichternder Moment sein können.

Endlich wusste ich, dass ich mir das alles nicht eingebildet hatte.

Endlich hatte das, was mich seit Jahrzehnten begleitet hatte, einen Namen.

Aber dann stand ich da.

Mit meinem Rezept für Lymphdrainage.

Und bekam keinen Termin.

Ich telefonierte mit Physiotherapiepraxis nach Physiotherapiepraxis.

Keine Plätze.

Wieder keine Plätze.

Und irgendwann sagte mir tatsächlich eine Physiotherapeutin:

„Es tut mir wirklich leid. Ich habe erst wieder einen Platz frei, wenn jemand stirbt.“

Ich wusste gar nicht, was ich darauf sagen sollte.

Damit war die Lymphdrainage für mich erst einmal erledigt.

Nicht, weil ich sie nicht machen wollte.

Sondern weil ich sie überhaupt nicht bekommen konnte.

Ich konnte nicht einmal ausprobieren, ob sie meine Beschwerden vielleicht lindern würde.

Dann wollte ich wenigstens meine Kompressionsversorgung einlösen.

Meine Füße waren bereits ausgemessen worden.

Ich dachte: Okay. Dann funktioniert wenigstens das.

Doch dann kam ein Schreiben von meiner Krankenkasse.

Ich sollte Fotos meiner Beine einreichen, damit geprüft werden konnte, ob die Versorgung genehmigt wird.

Und da war für mich Schluss.

Ich wollte keine Fotos meiner Beine an meine Krankenkasse schicken.

Also stand ich plötzlich da:

Diagnose vorhanden.
Rezepte vorhanden.
Behandlung nicht vorhanden.

Und ich war wütend.

So richtig wütend.

Ich dachte:

Was wollen die eigentlich alle von mir?

Kann das wirklich nicht wahr sein?

Ich hatte doch gerade erst erfahren, dass ich möglicherweise seit Jahrzehnten mit einer Erkrankung lebe.

Ich hatte ewig gebraucht, überhaupt einen Arzt zu finden.

Und jetzt, wo ich endlich eine Diagnose hatte, schien trotzdem niemand einen Weg mit mir zu gehen.

Ich fühlte mich allein.

Und gleichzeitig kam immer mehr hoch.

All die Jahre.

All die Versuche.

All die Diäten.

Der Sport.

Das Hungern.

Die Scham.

Die Selbstzweifel.

Die Frage, warum mein Körper anders war.

Und plötzlich verstand ich vieles davon mit einem ganz anderen Blick.

Ich war nicht schuld.

Aber was sollte ich jetzt damit anfangen?

Ich hatte keine Ahnung.


Ich fand keinen Weg, wie man mit dieser Diagnose eigentlich weitermacht

Was mich zusätzlich beschäftigt hat:

Ich fand damals keinen richtigen Prozess für mich.

Keinen klaren Weg.

Kein:

„Du hast gerade die Diagnose bekommen? Dann geh jetzt Schritt für Schritt so vor.“

Vielleicht habe ich damals auch einfach nicht genug recherchiert.

Das weiß ich nicht.

Aber genau diese Erfahrung ist einer der Gründe, warum ich heute diese Seite mache.

Weil ich glaube, dass Frauen mit der Diagnose nicht einfach allein gelassen werden sollten.

Es braucht Informationen.

Es braucht Orientierung.

Es braucht einen verständlichen Weg.

Und vor allem braucht es das Gefühl:

Du musst das nicht alles alleine herausfinden.

Aber damals musste ich es irgendwie doch.

Also begann ich selbst zu suchen.

Ich wollte wissen:

Was kann ich tun?

Welche Möglichkeiten gibt es?

Und irgendwann tauchte ein Begriff immer wieder auf:

Liposuktion.


Plötzlich stand da das Wort Liposuktion

Ich wusste zunächst natürlich nicht, ob das überhaupt etwas für mich sein könnte.

Also dachte ich:

Dann musst du dich informieren.

Ich suchte nach Kliniken in meiner näheren Umgebung.

Ich wollte nicht sofort irgendeine Entscheidung treffen.

Ich wollte erst einmal mit jemandem sprechen.

Fragen stellen.

Verstehen, wie so eine Behandlung überhaupt abläuft.

Und dann begann das nächste Kapitel meiner Suche.

Ich rief bei Kliniken an.

Bei einigen lief nur eine Ansage.

Ich erreichte niemanden.

Wieder dieses Gefühl:

Warum ist das alles so schwierig?

Aber dann gab es eine Klinik, die mich tatsächlich zurückrief:

die Lipödem-Klinik Süd.

Und dieser Rückruf war für mich etwas völlig anderes.


Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Hier hört mir jemand zu

Am Telefon konnte ich meine Fragen stellen.

Und ich bekam Antworten.

Nicht das Gefühl, lästig zu sein.

Nicht das Gefühl, dass ich mich erst rechtfertigen musste.

Sondern einfach:

Jemand hört mir zu.

Mir wurde angeboten, dass ich zu einem persönlichen Termin kommen könne.

Man würde mich anschauen, mit mir sprechen und dann gemeinsam besprechen, ob und wie man mir helfen könne.

Und ich weiß noch, dass ich nach diesem Gespräch dachte:

Okay. Da fahre ich hin.

Ich machte einen Termin.

Ich glaube, es waren ungefähr zwei oder drei Wochen später.

Ganz genau weiß ich es heute nicht mehr.

Aber ich weiß noch sehr genau, was auf dem Weg dorthin in meinem Kopf los war.


Einen Tag vorher wollte ich den Termin absagen

Je näher der Termin kam, desto größer wurde meine Angst.

Am Tag vorher dachte ich tatsächlich:

Vielleicht sage ich einfach ab.

Was, wenn ich das wirklich machen lasse?

Was, wenn etwas schiefgeht?

Was, wenn ich danach schlimmer aussehe als vorher?

Oh Gott.

In meinem Kopf war absolute Panik.

Und dann fuhr ich am Tag des Termins auf den Parkplatz der Klinik.

Und plötzlich war da etwas völlig anderes.

Ruhe.

Ich kann es nicht anders beschreiben.

Schon als ich ankam, fühlte es sich anders an.

Ich wurde herzlich empfangen.

Ich fühlte mich willkommen.

Und dann sprach ich mit dem Arzt.

Er erklärte mir alles ganz ruhig.

Welche Bereiche behandelt werden könnten.

Wie die Operation abläuft.

Wie die Zeit danach aussieht.

Was auf mich zukommt.

Ich konnte meine Fragen stellen.

Und bekam Antworten.

Und plötzlich hatte ich dieses Gefühl:

Ich kann ihm vertrauen.


Und dann stellte die Klinik noch einmal die Diagnose

Bei der Untersuchung wurde ebenfalls festgestellt, dass ich ein Lipödem Stadium 2 habe.

Und plötzlich machte für mich immer mehr Sinn.

Ich begann zurückzublicken.

Auf die Veränderungen in meinem Leben.

Auf meine Schwangerschaften.

Auf Beschwerden, die ich schon so lange kannte.

Und ich hatte den Eindruck, dass mein Körper immer wieder auf bestimmte Situationen reagiert hatte.

Nach meinen Schwangerschaften hatte ich Schübe erlebt.

Auch nach einer Gürtelrose und den Medikamenten, die ich damals nehmen musste, hatte ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte.

Und jetzt war ich in den Wechseljahren.

Auch dort hatte ich einen deutlichen Schub erlebt.

Plötzlich ergab vieles Sinn.

Ich kann heute nicht beweisen, dass all diese Beschwerden und Veränderungen tatsächlich durch das Lipödem verursacht wurden.

Aber ich hatte damals ein sehr starkes Gefühl:

Da hängt mehr zusammen, als ich bisher verstanden hatte.

Und genau dieses Gefühl hat mich angetrieben.

Denn plötzlich dachte ich:

Was ist, wenn ich einfach abwarte?

Was passiert, wenn das Lipödem schlimmer wird?

Was ist, wenn irgendwann Stadium 3 kommt?

Will ich dann immer noch dasitzen und darauf warten, dass irgendjemand mir sagt, was ich tun soll?

Nein.


Ich wollte nicht mehr abwarten

Ich hatte inzwischen verstanden:

Ich bin nicht schuld.

Und genau das hat etwas in mir verändert.

Denn wenn ich nicht schuld bin, dann muss ich mich auch nicht mehr dafür bestrafen.

Aber ich kann Verantwortung für mich übernehmen.

Ich kann mich informieren.

Ich kann Fragen stellen.

Ich kann Entscheidungen treffen.

Und genau das wollte ich tun.

Ich wollte mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.

So wie ich immer das Gefühl gehabt hatte:

„So bin ich eben.“

„So ist mein Körper.“

„So ist mein Leben.“

Und auch dieses Gefühl:

Andere müssen mir helfen.

Ich wollte da raus.

Ich wollte nicht mehr darauf warten, dass jemand anderes für mich eine Lösung findet.

Ich wollte mich selbst kümmern.


Und dann kam plötzlich dieser eine Satz

Nach dem Gespräch verabschiedete ich mich.

Ich war eigentlich schon auf dem Weg nach draußen.

Und dann fragte ich:

„Wann wäre denn der nächste Termin überhaupt frei?“

Denn natürlich musste ich überlegen:

Wer kümmert sich um die Kinder?

Wer kümmert sich um meinen Hund?

Wie kann ich das organisieren?

Der Arzt sagte mir, dass gerade ein Termin frei geworden sei, weil jemand abgesagt hatte.

In drei Wochen.

Drei Wochen.

Ich dachte:

Okay.

Das muss ich jetzt erst einmal klären.

Die Klinik sagte sogar:

„Lassen Sie sich ruhig Zeit. Sie müssen sich ja nicht gleich entscheiden.“

Aber ich wollte gar nicht einfach nur darüber nachdenken.

Ich wollte kurz rausgehen.

Telefonieren.

Schauen, ob ich die Betreuung organisiert bekomme.

Also ging ich nach draußen.

Ich telefonierte.

Und kam wieder zurück.

„Wir können den Termin machen.“

Und damit war meine Entscheidung gefallen.

Nicht, weil ich keine Angst hatte.

Die hatte ich.

Sehr große sogar.

Sondern weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl hatte:

Ich tue jetzt etwas für mich.


Ich hatte mich für mich entschieden

Insgesamt sollten es drei Operationen werden.

Der erste Termin passte.

Und auch die weiteren Termine ließen sich später gut organisieren.

Ich machte alles fest.

Und ich erinnere mich noch sehr gut an dieses Gefühl:

Ich fühlte mich plötzlich stark.

Nicht, weil ich eine Operation vor mir hatte.

Sondern weil ich selbst entschieden hatte.

Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass mein Leben einfach passiert.

Ich hatte nicht mehr das Gefühl:

„So bin ich halt.“

Ich hatte auch nicht mehr das Gefühl:

„Mal sehen, ob mir jemand hilft.“

Ich hatte entschieden: Ich helfe mir jetzt selbst.

Und das war eine der stärksten Entscheidungen, die ich bis dahin getroffen hatte.

Ich hatte Angst.

Ich war unsicher.

Ich wusste nicht genau, was auf mich zukommen würde.

Aber ich wusste:

So wie bisher wollte ich nicht weitermachen.

Und genau deshalb bin ich diesen Weg gegangen.

Meine Lipödem-Reise hatte damit eine neue Richtung bekommen.

Die Richtung zu meiner ersten Liposuktion.

Und was dann tatsächlich passiert ist, wie ich die erste Operation erlebt habe und was danach kam, erzähle ich dir im nächsten Teil.

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